Aufarbeitungstext der alten Kaleido Gruppe

Vor kurzem sind wir zufällig darauf aufmerksam gemacht worden, dass einige Menschen sich nicht wohl im Kaleidoskop fühlen bzw. gar nicht erst zu Veranstaltungen vom Kaleidoskop kommen – und zwar auf Grund eines Vorfalls von vor ca 4 Jahren. Insbesondere sind das Poeple of Color, wie uns berichtet wurde. Das hat uns alarmiert und bei manchen den Anlass gegeben, uns mal wieder mit den Unterdrückungsmechanismen in unseren eigenen Zusammenhängen zu beschäftigen. Und uns dazu bewogen, die Geschichte von damals nochmal aufzuarbeiten und dazu Stellung zu beziehen.

Wenn wir “wir” sagen, sind das Einige die damals, als der Vorfall stattgefunden hat, im Kaleidoskop Kollektiv aktiv waren, größtenteils aber nicht mehr sind.
Es gab einen Übergriff von einem weißen cis-Typ (im weitern Text A. genannt) auf eine Person, die von Rassismus und Sexismus betroffen ist (im weitern Text B. genannt), in einem anderen Raum als dem Kaleidoskop, bei dem auch keine im Kaleidoskop aktive Person anwesend war. Weil sich die beiden im Kaleido zum ersten Mal getroffen hatten, gibt es trotzdem einen Kaleidobezug.

Schon als A. und B. sich im Kaleido gesehen haben, gab es eine Diskussion über Privilegien, bei der für B. Partei ergriffen und A. für den Abend rausgehaut wurde.
Als es zu einem späteren Zeitpunkt zu dem Übergriff in einem Beisl von A. auf B. kam, hatte A. aus anderen Gründen schon ein temporäres Hausverbot im Kaleidoskop. Aufgrund des Übergriffs wurde das temporäre Hausverbot auf ein generelles Hausverbot ausgeweitet.

B. hat vom Kaleido die Forderung gestellt, dass wir die Daten von A. herausgeben, um bei der Polizei Anzeige zu erstatten. Da niemensch von uns die Daten von A. kannte, war uns dies nicht möglich. Von Einzelpersonen wurde kommuniziert, dass sie auch Daten nicht weitergeben würden, wenn sie sie hätten. Jedoch hat eine Person von uns angeboten, B. zur Polizei zu begleiten. B. hat dieses Angebot jedoch abgelehnt und stattessen die Daten (inklusive Telefonnummer!) von der Person, die angeboten hat, B. zu begleiten, ohne Rücksprache der Kiwarei gegeben und ihnen gesagt, sie könnten A., oder zumindest Menschen die A kennen, im Kaleidoskop antreffen. Somit wurden also die Cops in einen anarchistischen Freiraum geschickt.

Zeitgleich hat das eine interne Diskussion ausgelöst, ob mensch Daten an die Cops weitergibt und in welchen Fällen das eine Option ist. Es entstanden temporäre Unsicherheiten und Misstrauen untereinander, welche Informationen eins seinen Verbündeten über sich preisgibt und ein sehr starkes Misstrauen gegenüber B.

Wir haben versucht mit B. nochmals über alles zu reden und zu erklären, warum es überhauptnicht klargeht, unabgesprochen Daten von Freund:innen an irgendwelche Behörden zu geben oder diese in linke Räume zu schicken.
Dieses Gespräch wurde von B. abgeblockt, woraufhin auch B. Hausverbot bekam.

A. zog sich nach dem Vorfall und der daraus folgenden Gerichtsverhandlung ohnehin vollständig aus allen queerfeministischen Zusammenhängen zurück.

Nichts von der Diskussion und den Überlegungen haben wir nach außen kommuniziert, weil wir das schlicht für unpassend hielten. Wir behandelten die Vorfälle wie einen privaten Konflikt zwischen A., B. und Menschen aus dem Kaleidoskop. Wir wollten kein Szenedrama auslösen und auch B nicht zusätzlich schaden. Vielleicht waren auch usere Ansichten nicht einheitlich genug um ein einheitliches Statement zu schreiben. Auch jetzt gibt es noch unterschiedliche Ansichten zum Vorfall.

Wir haben uns zu wenige Gedanken gemacht was für Auswirkungen unsere Nichtkommunikation haben kann.
Im Nachhinein sehen wir, dass das nicht der richtige Umgang war. Dafür entschuldigen wir uns, denn es hat möglicherweise Einzelpersonen und/oder Räume gefährdet. Ein offenerer Umgang hätte statdessen eine Diskussion über den Umgang mit Polizei im Bezug auf Parteilichkeit bei Übergriffen auslösen können.

Wir verurteilen nicht generell alle Leute die zur Polizei gehen, wenn ihnen was passiert. Jedoch wollten und konnten wir das in diesem Fall nicht in diesem Ausmaß unterstuetzen. Vor allem muss es Menschen, die selbst zum Teil traumatische Erlebnisse mit Bullen hatten selbst ueberlassen sein, ob sie jemanden auf diese Art unterstuetzen wollen!
Das war kein Grund für uns, B. Hausverbot zu geben. Jedoch das Weitergeben der Daten von einer unterstützenden Person und des Raumes mit anschließend fehlender Bereitschaft über das Vorgefallene zu reden.

Uns war und ist es sehr wichtig, dass das Kaleidoskop ein Schutzraum ist, für Menschen, die von sexistischer und rassistischer Gewalt betroffen sind, genauso wie für Menschen, die von Repression oder Polizeigewalt betroffen sind – sei es aufgrund politischer Aktivitäten oder der falschen Papiere. Was nicht heißt, dass uns dies immer gelingt. Dafür ist es wichtig, dass wir die Polizei nicht in unseren Raum lassen, genauso wie keine anderen Chauvinisten und diese schon gar nicht selber dort hin holen.

Die Polizei zu holen, kann eine Art von Revenge sein, genauso wie Sachbeschädigung Outingplakate im Umfeld u.ä.
Genauso wie bei anderen Möglichkeiten von Rache und Empowerment wollen und können wir darüber nicht urteilen. Jedoch entscheiden wir in jedem Fall selber, bis zu welchem Grad wir dies aktiv mittragen.
Auch weil A., obgleich wir seine genauen Daten nicht hatten, für uns als Teil einer linken Szene sehr wohl greifbar war, um auf andere Art zu intervenieren, war es für einige von uns klar, das ohne Polizei zu lösen.

Die Polizei ist eine durchwegs rassistische, sexistische und autoritäre Organisation, deren Aufgabe es nicht ist, uns zu beschützen, wie uns in unserer Kindheit oft erzählt wurde, sondern die bestehenden Herrschaftsverhältnisse aufrecht zu erhalten. Jene Herrschaftsverhältnisse, welche wir ablehnen und bekämpfen.
Polizist:innen demütigen und foltern, sie sperren in Gefängnisse ein und schieben ab.
Polizist:innen spähen linke Strukturen aus oder unterwandern sie, um sie zu zerstören.
Die Polizei handelt strukturell und individuell rassistisch, bei unbegründeten Kontrollen, auf der Polizeistation, in Verfahren, im Gefängnis und an den Grenzen.
Das alles passiert nicht nur in irgendwelchen abgehobenen Theorietexten oder weit weg auf der anderen Seite des Atlantic, sondern auch real vor unserer Nase.

Dieser Rassismus innerhalb der Polizei ist auch ein Grund, warum sich Konzepte für einen Umgang mit Problemen ohne Polizei wie Community Accountabillity oder Transfomative Justice aus Black Communities heraus entwickelt haben.
Uns ist klar, dass ein direktes Übernehmen solcher Konzepte nicht immer super funktioniert, doch das heißt für uns nicht, dass wir sie aufgeben und stattdessen die Cops holen. Sondern die Konzepte in unseren Zusammenhängen ausfeilen und verbessern müssen.

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